Unternehmensverkäufe, Ausgliederungen und strategische Neuausrichtungen betreffen selten nur Bilanzen und Verträge. Sobald ein Geschäftsbereich an einen neuen Eigentümer übergeht oder als eigenständige Einheit weitergeführt werden soll, müssen auch die zugehörigen IT-Systeme sauber getrennt werden. Bei Unternehmen, die SAP einsetzen, bedeutet das in der Regel ein komplexes technisches Projekt mit eigenen Regeln, das sich von einer klassischen Systemeinführung deutlich unterscheidet. Genau dieser Prozess wird als SAP-Carve-out bezeichnet.
Kurzfassung
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Definition und Auslöser eines Carve-outs
Ein Carve-out bezeichnet allgemein die Abspaltung eines Unternehmensteils, der dadurch zu einer eigenständigen rechtlichen Einheit wird, etwa im Rahmen eines Verkaufs oder einer Ausgliederung einer Tochtergesellschaft. Ein bekanntes Beispiel aus der Industrie ist die Abspaltung der Halbleitersparte eines Mutterkonzerns, aus der ein eigenständiges Unternehmen entstand. Bei einem SAP-Carve-out bezieht sich der Begriff konkret auf die Trennung von Organisationseinheiten, Buchungskreisen, Gesellschaften oder einzelnen Modulen aus einer bestehenden Systemlandschaft.
Die Gründe für einen solchen Schritt unterscheiden sich je nach Unternehmenssituation. Häufig steht ein Verkauf oder eine Ausgliederung im Vordergrund, bei der ein Geschäftsbereich an einen externen Käufer übergeht. In anderen Fällen dient der Carve-out einer internen Fokussierung auf das Kerngeschäft, während nicht strategische Bereiche abgegeben werden. Eine dritte Konstellation betrifft Unternehmen, die ohnehin eine Migration zu SAP S/4HANA planen.
Technische Grundlage: Wie die Trennung im System erfolgt
Anders als bei einer klassischen Systemeinführung steht beim Carve-out nicht der Aufbau neuer Funktionen im Mittelpunkt, sondern die präzise Trennung bestehender Daten. Als Ankerpunkt dient in SAP S/4HANA meist das Profitcenter, da nahezu jeder operative Beleg, etwa in Materialwirtschaft, Vertrieb oder Kostenrechnung, direkt oder indirekt einem Profitcenter zugeordnet ist. Darüber lassen sich auch nachgelagerte Strukturen wie Anlagen, Kostenstellen oder Innenaufträge eindeutig zuordnen. Segmente, die sich häufig aus Profitcentern ableiten, ermöglichen zusätzlich ein Reporting nach internationalen Rechnungslegungsstandards wie IFRS oder US-GAAP, sodass sich nicht nur Bilanz und Erfolgsrechnung, sondern auch sämtliche zugehörigen Stammdaten sauber trennen lassen.
Wird ein Teil eines Buchungskreises herausgelöst, müssen vormals interne Prozesse zwischen verkaufender und kaufender Einheit künftig als Geschäftsbeziehungen zwischen zwei externen Parteien abgebildet werden. Das erfordert Anpassungen im Customizing sowie bei der Pflege der Stammdaten, da beide Seiten nach der Trennung als eigenständige Vertragspartner auftreten.
Greenfield oder Brownfield: Zwei grundsätzliche Vorgehensweisen
Bei der technischen Umsetzung stehen grundsätzlich zwei Ansätze zur Verfügung. Beim sogenannten Greenfield-Ansatz baut die ausgegliederte Einheit ihre Geschäftsprozesse, Systeme und Arbeitsabläufe komplett neu auf. Dieser Weg verschafft zwar eine moderne, schlanke Ausgangsbasis, ist jedoch mit erheblichem Aufwand verbunden und dauert entsprechend lange.
Der Brownfield-Ansatz übernimmt dagegen bestehende Prozesse und Workflows weitgehend unverändert, was Zeit spart, gleichzeitig aber auch nicht mehr benötigten oder redundanten Datenballast mit ins neue System überträgt. Zwischen diesen beiden Polen hat sich inzwischen die sogenannte Selective Data Transition etabliert, bei der gezielt ausgewählte Daten, etwa zu einem bestimmten Buchungskreis oder einer Region, aus dem Altsystem extrahiert und direkt in eine neue S/4HANA-Umgebung überführt werden. Dieser selektive Weg erlaubt es, eine umfangreiche Systemkonvertierung in mehrere kleinere, besser steuerbare Schritte aufzuteilen, statt das gesamte Unternehmen auf einmal umzustellen.
Ablauf eines Carve-out-Projekts
Am Anfang eines Carve-outs steht eine umfassende Analyse der bestehenden SAP-Landschaft, die Schnittstellen, Customizing und installierte Erweiterungen einschließt. Darauf aufbauend entsteht ein Migrationskonzept, das Datenextraktion, Transformation und Ladeprozesse festlegt sowie Zwischenschritte wie Übergangsmandanten oder temporäre Schnittstellen plant. Relevante operative Daten werden anschließend in das Zielsystem migriert, während historische oder nicht mehr benötigte Bestände archiviert werden, oft unter Berücksichtigung gesetzlicher Aufbewahrungsfristen aus Handels- und Steuerrecht.
Vor der eigentlichen Produktivsetzung folgen umfangreiche Tests, darunter Integrationstests und Abnahmetests durch die Fachabteilungen, um Datenqualität und Systemintegrität sicherzustellen. Nach erfolgreichem Go-live benötigt die neu entstandene Einheit eigene Supportstrukturen, da sie ab diesem Zeitpunkt eigenständig operiert.
Stilllegung der Altsysteme als letzter Schritt
Ein häufig unterschätzter Teil des Projekts betrifft den Umgang mit den ursprünglichen Systemen nach Abschluss der Datentrennung. Werden Altsysteme über einen längeren Zeitraum parallel weiterbetrieben, entstehen laufende Lizenz- und Wartungskosten, zusätzlicher Aufwand für Backups und Monitoring sowie Sicherheitsrisiken, da ältere Systeme häufig nicht mehr durchgängig mit Updates versorgt werden. Eine strukturierte Stilllegung setzt voraus, dass zuvor geklärt wird, welche Daten weiterhin zugänglich bleiben müssen und welche gelöscht werden können, abgeglichen mit den jeweils geltenden gesetzlichen Aufbewahrungsfristen. Eine revisionssichere Archivierung stellt dabei sicher, dass auch nach der Abschaltung des Produktivsystems bei Bedarf, etwa im Rahmen einer Betriebsprüfung, weiterhin auf relevante Altdaten zugegriffen werden kann.
Fazit
Ein SAP-Carve-out unterscheidet sich grundlegend von einer gewöhnlichen Systemeinführung, da nicht der Aufbau neuer Funktionen, sondern die präzise Trennung gewachsener Datenstrukturen im Mittelpunkt steht. Organisationselemente wie Buchungskreis und Profitcenter bilden dabei den technischen Ausgangspunkt, während die Wahl zwischen Greenfield-, Brownfield- oder selektivem Ansatz maßgeblich von Datenmenge, Zeitrahmen und den Anforderungen des Zielunternehmens abhängt. Neben der reinen Datenmigration entscheiden auch Schnittstellen, eigene Programmanpassungen sowie die spätere Archivierung oder Stilllegung der Altsysteme über den langfristigen Erfolg der Trennung.

